Praxistipp: Aussäen – aber wann? und der Phänologische Kalender

Jede Samentüte hat auf der Rückseite die wichtigsten Eckdaten zur Aussaat aufgedruckt. In welchem Monat und bei welcher Temperatur ausgesät werden muss um ein optimales Keimergebnis zu erzielen. Trotzdem stellt sich jedes Jahr aufs neue die Frage was sähe ich jetzt aus? Nicht welches Gemüse oder welche Blumen, sondern jetzt im Moment.

Die Liste welche Pflanzen dieses Jahr im Garten wachsen sollen ist geschrieben. Und was mache ich jetzt zuerst?

 

 

Ich muss als erstes grundsätzlich schauen welche Keimtemperaturen die einzelnen Sämereien brauchen. Danach werden sie dann sortiert. Diese hier kommen heute bei mir in die Erde.

 

Sämereien

 

Die Frage wie es jetzt weiter geht stellt sich aus gutem Grund, denn die Angaben auf den Tüten oder in Aussaatkalendern sind nur mehr oder weniger grobe Richtwerte.

Nicht zuletzt spielen die Gegebenheiten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Habe ich ein Gewächshaus, einen Frühbeettunnel, ein Mistbeet? Verfüge ich über genügend Platz im Haus um Saatschalen hin zu stellen?
Wenn ja – auch mit einer wirksamen Beleuchtung?

Solange noch nichts gekeimt ist, spielt das Licht keine Rolle. Aber sofort nach der Keimung ist es von gravierender Wichtigkeit. Damit die Pflänzchen gut wachsen, brauchen sie reichlich Licht. Hier spielt uns das menschliche Auge einen Streich. Wo es einen Meter vom Fenster entfernt für uns noch taghell ist, ist es für Pflanzen schon stockdunkel.

Licht wird in Lux gemessen. Draußen sind es zwischen 10.000 und 30.000 Lux, und da draußen wohnen Pflanzen normalerweise und dieses Licht sind sie gewöhnt. Eine normale Fensterscheibe filtert schon mal lässig 10.000 Lux weg, eine Wärmeschutzverglasung schafft noch einiges mehr. Mit jedem Schritt vom Fenster weg reduziert sich das Licht drastisch. 1/2 Meter vom Fenster weg sind es noch ca. 2.000 Lux, nach 2 Metern nur noch ca. 200 Lux – allerhöchstens. Unsere Augen stellen sich darauf ein – Pflanzenzellen können das nicht. Das Ergebnis sind lange, dünne, schwammige und krankheitsanfällige Sämlinge, die verzweifelt versuchen sich nach dem Licht zu strecken. Langbeinigkeit oder Vergeilung nennt man das. Dass die dann auch ein gefundenes Fressen für Schadinsekten wie die Weiße Fliege sind versteht sich von selbst.

Wer ein Gewächshaus hat, ist klar im Vorteil. Bei mir kommen die Sämlinge schon so früh wie irgendwie möglich von der warmen Fensterbank ins frostfreie GWH. Da brauche ich mir um das Licht keine Sorgen zu machen. Auch Frühbeetkästen und Folientunnel bieten ideale Verhältnisse sofern man sie frostfrei und einer den Pflanzen genehmen Mindesttemperatur halten kann. Die meisten Pflanzen mögen übrigens nach der Keimung eine etwas niedrigere Temperatur zum Weiterwachsen.

Wer jetzt auf der Suche nach einem passenden Plätzchen für die Saatschalen ist, und wissen will wie die Luxwerte dort sind, kann dies mit einem Belichtungsmesser machen oder mit einer Smartphone-App, die es für Android und iOS gibt.

Das hier ist der aktuelle Wert an meinem Schreibtisch während ich das hier schreibe. Ohne Zusatzbeleuchtung, ca. 1,50 m weg vom Fenster in gerader Linie. Hell genug zum Arbeiten und Lesen. Aber Pflanze möchte ich hier echt nicht sein.

 

Luxmeter

 

 

Unter einem Dachschrägenfenster auf der Südseite kann man vielleicht sogar auf Zusatzbeleuchtung verzichten. Ansonsten muss man sich was einfallen lassen. Von preiswerten LED-Panels bis zu Luxus-Speziallampen zu horrenden Preisen gibt es unzählige Möglichkeiten. Was man sich davon leisten kann und will muss jeder selbst entscheiden. Nur das Lichtspektrum muss auf die Bedürfnisse der Pflanzen abgestimmt sein. Einfach die ausgediente Schreibtischlampe nehmen geht leider nicht. Ein Timer macht auch Sinn, denn auch Pflanzen brauchen ihren Tag/Nachtrhythmus.

Wie sich das Wetter entwickelt ist längerfristig nicht vorher zu sagen. Regional gibt es gewaltige Unterschiede. Während hier in der Kölner Bucht schon die Narzissen blühen, liegt in Bayern oft noch Schnee, auf der Schwäbischen Alp ist es frostig oder an der Nordseeküste stürmisch. Dazu kommt auch noch das Mikroklima des eigenen Gartens.

Der normale Kalender wird auf den Samentüten zu Grunde gelegt und eine Keimtemperatur, welche der Boden blöderweise gerade gar nicht hat. Macht daher eigentlich keinen rechten Sinn. Denn da das Wetter nicht statisch ist, ist auch ein statischer Kalender keine sinnvolle Basis. Viel mehr Sinn macht der Phänologische Kalender.

Hier sagen bestimmte Zeigerpflanzen wie sich die Jahreszeit und das Wetter aktuell entwickelt. Da bestimmte Pflanzen bei bestimmten Temperaturen blühen, kann man daraus entsprechende Rückschlüsse für die Aussaat ziehen.

Die Hasel zum Beispiel. Ob sie nun schon Anfang Januar oder in andern Jahren oder Gegenden erst Mitte März blüht ist unerheblich. Wenn die Hasel in deiner Umgebung blüht ist bei dir Vorfrühling.  Oder die Forsythie: Wenn sie in deinem Garten blüht ist in deinem Garten Erstfrühling. Basta! So einfach und so praktisch.

Und weil die Natur mehr Facetten hat als in vier Jahreszeiten passen, unterscheiden Phänologen zehn. Weil das aber erst mal schwer zu behalten ist  habe ich euch hier einen Phänologischen Kalender zum Download bereit gelegt:

Phänologischer Kalender

 

 

Ja,  es juckt uns allen in den Fingern. Aber trotzdem: Schaut welche Möglichkeiten ihr habt. Sortiert eure Samen in Gruppen nach ihren Bedürfnissen. Schaut wie euer regionales Wetter sich entwickelt. Was nützen 30 wunderschöne selbst mit viel Liebe herangezogene Paprikapflanzen, wenn zur Pflanzzeit nachts noch fieskalte 3°C sind? Andererseits: Wieso erst Ende März Tomaten säen, wenn erfahrungsgemäß in deiner Region schon Mitte April ausgepflanzt werden kann? Man würde so viel Vegetationszeit verschenken.

Und ganz zum Schluss. Leider gibt es bei aller guten Planung und Fürsorge immer mal wieder Rückschläge. Von bodenbürtigen Pilzen bis zum Spätfrost. Nicht entmutigen lassen. Denn kein noch so gut sortierter Laden kann die Sortenvielfalt bieten, die es in Samentüten gibt.

Und bald freuen wir uns hoffentlich über die ersten winzige Babypflänzchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Praxistipp: Aussäen – aber wann? und der Phänologische Kalender

  1. Hallo Claudia,
    bei Tomaten und Chili weiß ich immer, wann ich die säen muss, aber bei vielen anderen Pflanzen muss ich auch auf die Packung schauen oder ins Internet. Ich werde es vielleicht das erste Mal mit Gurken probieren, die müssen glaube ich im April in die Erde.
    VG
    Elke

  2. Liebe Claudia, ein toller Artikel. Ich arbeite viel mit Pflanzenbeleuchtung, da es bei uns nicht anders geht. Wir haben oft noch im April Frost. Die Pflanzen können daher sehr lange nicht ins Freie…

    LG Kathrin

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