Vom Vorgarten zum Küchengarten

Wir wohnten schon seit vielen Jahren in diesem Haus, als ich mir die Frage stellte, wo ich eigentlich noch Gemüse anbauen kann.

Bisher hatten wir im Garten hinter dem Haus immer ein paar Beete mit Essbarem am Zaun entlang. Dort wuchs es auch zufriedenstellend – die ersten Jahre. Dann war nur noch Kümmerwuchs zu vermelden, Sämlinge gingen schon kurz nach dem Auflaufen wieder ein, und gekaufte oder vorgezogene Pflanzen wuchsen rückwärts.

Der Grund für das Fiasko war ein Baum, genauer gesagt, ein riesiger Spitzahorn, den irgendein unintelligenter Vormieter einfach hat wachsen lassen, statt beizeiten den Sämling zu jäten. Kleiner Garten und riesiger Baum sind definitiv unverträglich.

 

Spitzahorn

 

 

Knochentrocken mit schattig plus Wurzeldruck ist eine Extremsituation, mit der nur wenige Pflanzen klarkommen. Für Gemüse ist sie ein Desaster.

Gemüse braucht Sonne, tiefgründigen Boden, Wasser, Nährstoffe und möglichst keine Unkrautkonkurrenz. Der vom Nachbarn nebenan gepflegte Giersch machte die Situation nicht wirklich besser, sondern freute sich diebisch über die Nährstoffe, die ich eigentlich fürs Gemüse gedacht hatte, und wuchs schneller, als jedes Radieschen es je gekonnt hätte.

 

 

 

Wenn mir etwas noch wichtiger ist als mein Garten, dann ist es mein Magen. Eine Lösung musste her. Hochbeete hätten den Giersch ausschalten können, aber der Ahorn darf nicht gefällt werden – ergo keine Alternative. Die Situation spitze sich zu, denn schlecht gefüttert, werde ich unleidlich.

Irgendwann saß ich an der Vordertüre auf den Treppenstufen und betrachtete den einst vom Vermieter gesäten Rasen. Unser Vorgarten ist groß – gute 30 m². Die Sonne !!! schien mir ins Gesicht. Wozu braucht ein Vorgarten Rasen? Mähen ständig – nutzen NIE! Von dieser Feststellung bis zum Verschwinden der Rasenfläche und zum Anlegen von Gemüsebeeten war es nur noch ein kleiner Schritt. Mein Mann war von der Idee begeistert, von der Knochenarbeit am Wochenende weniger.

 

Vorgarten

 

Eine gute Methode Arbeit zu sparen, ist es, große Pflanzen, die verschwinden müssen, per Internet an Selbstausgräber zu versteigern. Eine riesige Freiland-Yucca mitten in der Rasenfläche verschwand so.

 

Dann konnte es los gehen. Die abgestochenen Grassoden wuchsen zu Bergen, Unkraut und Wurzeln wurden ausgegraben, die Erde tief gelockert, ein wenig gekalkt, weil der PH-Wert zu niedrig war, und viel Kompost eingearbeitet. Aus einem Stapel alter, hart gebrannter Ziegel, die ich von der Erneuerung von Kaminen am Nachbarhaus abstauben konnte, wurden Wege zwischen den Beeten, aus alten Dachpfannen Einfassungen, das erste Hochbeet entstand aus einer Gabione.

 

 

 

 

Dann das leidige Mülltonnenproblem. In Köln haben wir vier Tonnen. Irgendwie musste ich die unterbringen. Nicht direkt am Haus wegen der Geruchsbildung und der Fliegen, aber trockenen Fußes gut zu erreichen und so, dass sie bequem zum Leeren auf den Bürgersteig zu rollen sind. Es gibt schon tolle Möglichkeiten zu kaufen, aber die sind alle nicht ganz billig, und kosten sollte es möglichst wenig. Fest verbaut kam auch nicht in Frage weil in einem Mietobjekt Einbauten beim Auszug meist wieder entfernt werden müssen.

Die Lösung war ein Paravent aus Eisen mit vier Flügeln, den ich online ersteigerte. Die Stoffbespannung habe ich entfernt, den Paravent über Eck ein Stück in den Boden eingelassen und mit Efeu bepflanzt. So stehen die Tonne zugänglich und vom Haus aus fast unsichtbar. Der Efeu ist noch nicht dicht. Das dauert halt seine Zeit.

 

 

 

Nun war die Hälfte unseres Vorgartens endlich Küchengarten. Er liegt vor meinem Küchenfenster. Ich kann also selbst bei miesem Regenwetter tatsächlich den Radieschen beim Wachsen zuschauen und schnell raus flitzen, um ein wenig Salat oder Kräuter zu holen. Praktischer geht es kaum noch.

 

 

 

 

Wenige Wochen später waren die ersten Aussaaten aufgelaufen, Tomaten gepflanzt, und die Kohlrabis bekamen Knollen, da bemerkte ich ein Phänomen:
Passanten gingen wie üblich vorbei, blieben aber dann wie angewurzelt stehen, kamen ein paar Schritte zurück und steckten den Kopf um die Hecke. Und dann passierte etwas Wunderbares – jeder Einzelne fing an zu lächeln. Strahlende Kinderaugen bei erwachsenen Stadtmenschen – unglaublich!

Erst da ging mit auf, dass alle Vorgärten in der Umgebung aus diesen kahlen Rasenflächen mit Hecke bestehen. Ab und zu eine Forsythie mit Hausmeisterschnitt. Langeweile, wohin das Auge sieht, und typisch für die Großstadt. Und hier ein Nutzgarten in gar nicht geleckter Bauerngartenmanier, mit Ringelblumen und Tagetes zwischen Bohnen und Paprika, Bienengesumme und Schmetterlingen fast wie auf dem Land. Und es war ansteckend. Zumindest ein paar Blumen hat inzwischen fast jeder vorm Haus.

 

 

Im Lauf der Jahre haben sich die Gemüsebeete ausgeweitet. Weitere Hochbeete wurden gebaut, Beerensträucher kamen hinzu, ein Rosenbogen mit Türen am Eingang, eine Weinpergola und eine Klönbank, auf der wir oft den Sonnenuntergang genießen.

 

 

 

 

Heute sind wir gut mit vielen Gemüsen, Salaten und Kräutern versorgt und können sogar Vorräte einfrieren und einkochen und auch mal ein Tüte voller Vitamine und Geschmack weiter verschenken. Inzwischen ist aus dem ungenutzten Vorgarten der wichtigste und am intensivsten genutzte Teil unseres Grundstücks geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Feigen sind reif

 

 

 

Gemüse kaufen? Nur das, was ich wirklich nicht selber anbauen kann, oder im Winter, wenn es nichts Frisches gibt …

 

                                            … aus dem Vorgarten.